Im September 2018 testet tennis MAGAZIN-Redakteur Tim Böseler (Twitter / Instagram) den Wingfield Smart Court. Tim berichtet hier in seinem Gastbeitrag über seine Erfahrungen. Die komplette tennis MAGAZIN-Ausgabe könnt ihr hier nachbestellen:

Die Vermessung des eigenen Spiels

Das Start-up-Unternehmen Wingfield aus Hannover bietet Spieldaten für Breitensportler auf Profiniveau an. Der Clou: Eine mit zwei Kameras bestückte Box, die am Netzpfosten installiert wird und Statistiken via App ­bereitstellt. Ortsbesuch bei vier Gründern, die das ­Tennis revolutionieren wollen.

Achtung, kurzer ­geschichtlicher Exkurs: Kennen Sie ­Major Wingfield? Nein? Macht nichts. Aber merken Sie sich von nun an diesen Namen. Denn der 1833 in England geborene Walter Clopton Wingfield gilt als Erfinder des Rasentennis. 1874 präsentierte er sein Spiel „Sphairistike“ (griechisch für Ballspiel) und machte damit Tennis einer breiten Masse zugänglich. Sein Clou: Er bot eine Box an, die Bälle, ein Netz, Pfosten, Schläger, Linienmarker und eine Spielanleitung enthielt. Damit sollten die Engländer auf ebenen Rasenflächen Tennis spielen – das „Lawn Tennis“ war geboren. Mehr als 1.000 dieser Sets verkaufte der gewiefte Major im ersten Jahr. Über 140 Jahre später könnte der Name Wingfield erneut für eine große Tennis-­Vision stehen – eine digitale allerdings.

Ich stehe mit meinem Handy in der einen und meinem Schläger in der anderen Hand auf einem Hallencourt des DTV Hannover. Soeben habe ich mich über eine Handy-App an einer grauen Box, die über einen der Netzpfosten gestülpt ist, angemeldet. Eine Kamera, die aus der Box lugt, scannte dafür meinen zuvor generierten QR-Code auf dem Display. Mein Gegner macht auf der anderen Seite der Box, wo sich ebenfalls eine Kamera befindet, genau das Gleiche. Ich lege das Handy weg und bereite mich auf meinen Aufschlag vor. Jetzt kann es losgehen: Mein erstes Match auf einem Wingfield-Court.

Spielanalysen auf Profiniveau

Alles, was nun auf dem Platz geschieht, wird von den zwei Hochleistungskameras in der grauen Box am Netzpfosten und einer weiteren Kamera am Platzende registriert. Nach dem Match soll ich Statistiken und Videomaterial auf meinem Handy erhalten, die man sonst nur aus dem Fernsehen oder von den Apps der Grand Slam-Turniere kennt. Es wird alles erfasst, was für einen Tennisspieler wichtig ist: Winner, Punkte, Fehler, Treffpunkte, Spinarten, Schlagarten, Schlagpositionen, Auftreffpunkte der eigenen Bälle in der gegnerischen Hälfte und vieles mehr – die ­Vermessung des eigenen Spiels beginnt. Und dafür soll eines Tages der Name Wingfield stehen.

„Wir wollen mit unserer Technologie ­jedem Amateurspieler der Welt die Möglichkeit geben, Spielanalysen auf Profiniveau zu erhalten“, erklärt Maik Burlage, 27, einer der vier Gründer der Wingfield GmbH. Das klingt vielleicht etwas hochtrabend, aber wer Burlage und seine Mitstreiter kennenlernt, erhält schnell den Eindruck: Hier sind keine digitalen Traumtänzer am Werk, sondern vier hochprofessionelle und topausgebildete Visionäre mit einer riesigen Leidenschaft für Tennis. Neben Burlage gehören Jaan-Frederik Brunken (28), Burlages jüngerer Bruder Julius (23) und Henri Kuper (24) zum Gründungsteam. Maik Burlage und Brunken gingen gemeinsam auf das frühere DTB-Internat in Hannover. Ihr Traum: Profitennis.

Später wechselten sie zur Akademie von Alexander Waske nach Offenbach, wohnten in einer WG. Irgendwann aber wurde ihnen klar: Für das große Tennis reicht es nicht. Dabei feierte Brunken als Junior einige Erfolge. Er schlug etwa Grigor Dimitrov und David Goffin, die heute zur Weltspitze zählen. Später, im Herrenbereich, kämpfte er sich unter die Top 500. „Aber das war mir zu wenig. Ich hatte mir nach dem Abitur zwei Jahre Zeit gegeben, um es in die Top 300 zu schaffen. Hat nicht geklappt“, erzählt Brunken. Er beendete seine Profikarriere – genauso wie Burlage. Beide begannen ein BWL-Studium.

Die Wingfield Box

Brunken steht mir jetzt auf dem Wingfield-Court in Hannover gegenüber. Er ist nun weniger Tennisspieler und mehr Unter­nehmensgründer, aber er spielt Klassen besser als ich. Wenn er es drauf angelegt hätte, wäre ich vom Platz geschossen worden. Aber so, mit angezogener Handbremse, lässt er mich ganz gut aussehen. Nett von ihm. Bei jedem Seitenwechsel passiere ich die graue Box am Netzpfosten und frage mich, wie akkurat dieser Apparat wohl arbeitet.

brunken tennis

„Wir sind nicht auf den Millimeter genau wie etwa ein Hawkeye-System aus dem Profibereich“, erklärt Burlage. „Aber das ist auch nicht notwendig, um Spielern Analysen zu liefern, die für sie einen Mehrwert darstellen.“ Wingfields Angebot soll bezahlbar sein – für die Clubs. Die sollen sich die Box nämlich für ihre Mitglieder zulegen. Ein Hawkeye-System kostet weit über 100.000 Euro – pro Platz. Konkurrent Playsight ist etwas erschwinglicher, aber um die 40.000 Euro sind hier fällig. Wingfield will den Markt komplett umkrempeln, denn ihre Box ist bereits ab 240 Euro pro Monat im Wingfield Package zu haben. Das ist vergleichsweise günstig. Wie ist das möglich? Durch künstliche Intelligenz. Burlage spricht von „selbstlernenden Modellen“, die mit jedem erhobenen Datensatz, also mit jedem getrackten Match, präziser und besser werden.

Tim Böseler tennis

Ich verliere den Probesatz 2:6. Schnell greife ich zum Handy, öffne die Wingfield-App und schwupps habe ich die Daten zu dem Durchgang auf dem Display. Die Versprechungen erfüllen sich. Was ich nun über mich als Tennisspieler erfahre, ist erstaunlich. In den Service-Stats zum Beispiel zeigt mir die App an, dass ich zu 52 Prozent den Punkt gemacht habe, wenn der Aufschlag kam. Das System zählt ein Ass und keinen Doppelfehler. Mein Durchschnittstempo bei den Aufschlägen: 156 Stundenkilometer. Mein schnellster Aufschlag: 178 Stunden­kilometer. Besonders beeindruckend ist die Aufschlag-Heatmap. Ich kann genau sehen, wohin ich serviert habe. Nach außen, nach innen, auf den Mann. All das lässt sich auch für alle anderen Schläge abrufen.

Jeder Ballwechsel noch einmal abrufbar

„Öffne mal die Videofunktion und spule zum Aufschlagspiel bei 1:4 vor“, sagt Brunken. Auch das ist toll: Wingfield zählt automatisch mit und über den Videoplayer ist jeder Ballwechsel noch einmal abrufbar. Dabei lässt sich mit der Skipfunktion einfach von Punkt zu Punkt springen. „Da, dein starker Volleypunkt“, ruft Brunken. „Den hast du echt gut weggedrückt.“ Ich versinke in den Statistiken und stelle fest: Es ist eine neue ­Dimension des Daten-Trackings auf dem Tennisplatz. Da können Sensoren, die am oder im Schläger angebracht werden, nicht mithalten. „Die Sensoren haben ihre Stärken, aber wir können die Ereignisse eines Matches in den richtigen Kontext stellen. Wir erzeugen ein Gesamtbild, weil ein Sensor nie weiß, ob der Ball im Feld oder im Aus ist“, sagt Brunken.

Das System hat nicht nur mich überzeugt. Wingfield gehörte 2018 zu den großen Gewinnern beim „Lead Sport Accelerator“, einer Gründerplattform, initiiert von den Adidas-Erben, bei der sich junge Sport-Start-ups vor etlichen Investoren präsentieren. Die Hannoveraner zogen die Gunst der Geldgeber auf sich – als eines von 16 Unternehmen, die sich gegen 480 internationale Konkurrenten behaupten konnten. „Die letzte Hürde war ein Speed-Dating mit interessierten Investoren. Wir hatten 30 15-Minuten-Talks hintereinander. Es war echt anstrengend. Danach waren wir alle eine Woche krank“, erinnert sich Burlage. Der Lohn: 1,2 Millionen Euro sammelte Wingfield ein.

Die Finanzierung des Projekts ist damit gesichert. „Wir starten jetzt voll durch“, freuen sich die vier Gründer. Seit dem 1. Oktober ist die App gratis downloadbar. Die ersten Wingfield-Systeme werden nun an Clubs in ganz Deutschland ausgeliefert. „Unser größtes Ziel: Wir wollen Tennis attraktiver machen und neue Reize schaffen. Wingfield ist kein kurzfristiges Gadget, es ist eine langfriste Plattform für unseren Sport“, sagt Burlage zum Abschluss. „Wenn jemand wegen uns einmal mehr pro Woche auf den Platz geht, haben wir schon sehr viel erreicht.“ Der große Major Wingfield hätte an diesen vier jungen Machern, die nun seinen Namen nochmals in die Welt tragen wollen, sicher große Freude gehabt.

Kleinfeld tennis

Im Überblick: So funktioniert die Wingfield-Technologie

1. Am Anfang steht die Box:

Sie ist das Gehirn der Wingfield-Technologie. Das wetterfeste Gehäuse kann auf jedem Platz am Netzpfosten installiert werden – draußen und drinnen. Es braucht nur Strom und eine Internetverbindung. Im Inneren stecken zwei Hochleistungskameras und eine Prozessoreinheit, die jeden Ballwechsel tracken. Später landen alle Daten via App auf den Handys der Spieler.

2. Ihr entgeht nichts:

Auf jeder Seite der Box ist eine Kamera eingelassen, die das Match auf der einen Platzhälfte überwacht. Die Kameras sind hochempfindlich und registrieren etwa Treffpunkte, Auftreffpunkte in der gegnerischen Hälfte, Flugkurven, Geschwindig­keiten, Spinarten sowie Seitenwechsel und auch Laufwege der Spieler. Die Vielzahl der Daten wird im Prozessor weiter verarbeitet.

3. Hinterfeldkamera:

An einem Ende des Platzes wird eine zusätzliche ­Kamera aufgebaut, die mit der Box am Netz verbunden ist. Die dritte Kamera dient dazu, die komplette Partie in der Totalen aufzunehmen. Sie liefert das Material zur Videoanalyse – einem ­weiteren Wingfield-Feature. In dieser ­Perspektive lässt sich später auf dem Handy von Ballwechsel zu ­Ballwechsel skippen.

Hinterfeldkamera

4. Das große Staunen:

Nach dem Match folgt die Auswertung der Daten auf dem Smartphone. In wenigen Minuten sind ­Statistiken einsehbar, die man nur von Übertragungen großer Profiturniere kennt. Wer hat die meisten Asse serviert? Und wohin habe ich aufgeschlagen? Wie schnell war meine Vorhand im Durchschnitt? Man erhält jede Menge aufschlussreiche Daten über das eigene Spiel.

Statistiken am Tennisplatz
5. Erhellende Statistiken:

Einen Satz gespielt und noch nicht einmal 400 Meter gelaufen; nur viermal im ganzen Durchgang vorne am Netz gewesen – die Einblicke ins eigene Spiel sind zum Teil ­verblüffend. Klar, man hat so ein Gefühl für seine Matchführung, aber jetzt erhält man endlich Gewissheit darüber.

6. Heatmap für den Aufschlag:

Wer schon immer wissen wollte, wohin man während eines Matches überhaupt aufschlägt, bekommt diese Infos über die „Placement“-Funktion gelierfert. Dort lässt sich wählen, von welcher Aufschlagseite (Einstand oder Vorteil) die Auftreffpunkte im gegnernischen Halbfeld angezeigt werden sollen. Jeder „Treffer“ wird grafisch dargestellt. Für die prozentuale Verteilung der Aufschlagrichtung ist das T-Feld in drei gleichgroße Sektoren aufgeteilt, sodass auf einen Blick gewisse Vorlieben beim Service sichtbar werden. Ähnliche Grafiken bietet Wingfield auch für Grundschläge oder Returns an.

Platzierungsanalyse

7. Für die Nachbereitung:

Über die Videofunktion kann man sich komplette Matches noch einmal ansehen, einzelne Ballwechsel auswählen und sich zu jedem Spielstand die entsprechenden Statistiken anzeigen lassen. Für Trainer bietet diese Option große Möglichkeiten, um mit ihren Spielern eine tiefgreifende Matchanalyse vorzunehmen. Wingfield will die Videofunktion später auch für Livestreamings freigeben.

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